Meine Heimatstadt Orawitz
von Georg Pischl, EBV
 
 

Lage, Flurnamen, Bevölkerung

Orawitz liegt auf einer Seehöhe von 253 m über dem adriatischen Meeresspiegel, geographisch auf dem nördlichen Breitengrad 45,5 und auf der östlichen Länge von 39,2.
Montan-Orawitz liegt in einem fünf Kilometer langen, sehr schmalen Waldtal, welches von Nordost nach Südwest verläuft. Dieses Waldtal wird südlich von Bergen begrenzt: Dealul Mare, Prater, Wadarna, Cololia (502 m), Simeon (902 m), östlich Lup mit dem ehemaligen Kurort Marilla (704 m) und nördlich Große Tilfa (800 m) und Kleine Tilfa (674 m). Die Flur- und Hügelnamen sind folgende: Mühlköpfl, Steinisch- bzw. Roter Riegel, Koschowitz,  Kreuzwiese, Mariatroster Graben, Rakowitz, Hollerwiese, Königsegg,  Prisaka,  Marillatal, Schindergraben, Pulferturmer Graben und Gemeindewald. Durch das Orawitz-Tal fließt nach Südwesten der Lisavabach, welcher bis 1945 zwei umfangreiche Teiche speiste, die ehedem der Kupferverhüttung gedient haben. Die 15 km westlich und 22 km südlich von Orawitz fließenden Flüsse Karasch und Nera ergießen sich in die Donau.
Die Bezeichnung Orawitz wurde bei der Besiedelung im frühen 18.Jh. von dem dort schon bestehenden Walachendorf übernommen und dürfte slawischen Ursprungs sein. Die Nachbargemeinde des Ansitzes ,,Derer von Roda" in Slawonien trägt einen ähnlichen Ortsnamen: Ohorawitz.
Bis jetzt nachweisbar geht die deutsche Siedlung auf das Jahr 1717 zurück. Laut Kallanek, Karl Erdély, Dr. R. Kaindl und meinen Nachforschungen dürfte der Beginn der deutschen Bergwerkstätigkeit durch Tiroler Bergknappen jedoch schon für 1703 anzusetzen sein.
Orawitz besteht in seinem deutschen Teil, Montan-Orawitz geheißen, aus einer Hauptgasse, zwei parallel laufenden Nebengassen und aus mehreren Berggassen, welche mit Ausnahme des Friedhof- und Kalvarienberges alle auf der nördlichen Hangseite liegen. In der ungarischen und hernach in der rumänischen Verwaltungszeit haben die Straßenbenennungen jeweils gewechselt, daher werden hier die alten, heute noch gebrauchten deutschen Namen angegeben: Hauptgasse, Witwengasse, Hintere Gasse, Schmelzgraben, Pischlberg, Goldschurf, Gabel (Gabriel), Kirchenberg, Klosterberg, Pulferturm (althergebrachte Schreibweise), Rosenberg, Kochlöffelberg (Spektakelberg), Neuer Fahrtweg, Kies, Kreuzwiese, Stempelberg, Schindergraben, Fuhrwesen, Kneipweg, Kalvarienberg, Eselweg und das rumänische Ogasch, welches vorwiegend von 1740 aus der Kleinen Walachei geflüchteten Tzaranen oder Bufanen bewohnt wird. Ein Teil dieser Bufanen bewohnt auch das Fuhrwesen beim Großen Teich in Orawitz.

Bergstadt und Verwaltungszentrum

Orawitz war von Anbeginn als habsburgisches Krongut Zentrum der Banater Kupferproduktion sowie Sitz des Oberbergamtes und der Berggerichtsbarkeit nach der Maximilianischen Bergordnung. Werk und Siedlung unterstanden bis 1779 der Werschetzer Distriktverwaltung. In den zeitweise 80 Gruben, davon ein Drittel Hoffnungsschläge, wurde Kupfererz gebrochen und in den Hütten daraus das Silber geschieden, welches ausschließlich der Karlsburger Münze zufloß.
Orawitz war im 18. Jh., insbesondere bis zum Türkenkrieg 1737/39, der Mittelpunkt der Kupfererzeugung im Südosten. Das in Maidanpek, südlich der Donau im Kreis Rudnik gebrochene Kupfererz wurde ebenfalls in Orawitz verhüttet. Durch diese Banater Kupfererzeugung wurde die Kupferproduktion Österreichs verdoppelt und die Monarchie errang damit eine führende Stellung auf dem Weltmarkt im Zeitalter des Merkantilismus. Die genannten Türkenkriege hemmten vorübergehend diese Entwicklung. Das Oberbergamt in Orawitz war auch für die Goldwäschereien  an  den Flüssen und Bächen des Krongutes zuständig. Am Minischbach zwischen Bosowitsch und der Militärgrenze sowie am Lisavabach in Orawitz, an den Flüssen Karasch und Nera waren Zigeuner mit den Goldseifen beschäftigt. Die Kaiserin Maria Theresia ließ ausschließlich zu diesem Zweck einen Zigeuerstamm aus der Moldau nach Slatitza an die Nera umsiedeln. Zigeuner betrieben seit Alters her das Goldwaschen an den Gewässern der Karpaten mit archaisch primitiven Werkzeugen. Sie benützen hierzu nur ein Brett und ein Stück Leinwand oder ein Lammfell.
Im Jahre 1845 erschloß das Orawitzer Gewerke ,,Horvath" mitten im Ort den Golderbstollen des Königin-Elisabeth-Bergwerks mit einer Jahresförderung von 100.000 fl Convertierungsmünze. Dieses Goldbergwerk wurde mit sämtlichen anderen Banater Metall- bergwerken, mit Ausnahme der Eisenbergwerke, 1872 eingestellt.
Orawitz blieb weiterhin Sitz der Oberverwaltung des Forstwesens und der Domänen des Banater Montangebietes, welches 130.083 Hektar umfaßte und am 1. Januar 1855 von der Wiener Hofkammer an die Privilegierte Österr. Staatseisenbahn-Gesellschaft (StEG) zum Preis von über 11 Millionen Florin in Gold überlassen worden war.
Orawitz war ab 1919 Bezirkssitz und Sitz der Verwaltung des Komitates Karasch. Die Stadt beherbergte bis 1945 das Bezirksgericht, die Finanzdirektion, die 1930 erbaute Präfektur sowie ein Gefängnis.
Die Stadt besitzt ein Elektrizitätswerk aus dem Jahre 1922, ein Krankenhaus in der Nähe des Bahnhofs und ein Lungenheilsanatorium auf der Marillahöhe des Lupberges an der Landstraße Orawitz-Bosowitsch.
Die Eisenbahnlinie Orawitz-Basiasch von 1847 ist die älteste Südungarns. Sie wurde erbaut, um die in Steierdorf-Anina abgebaute Anthrazit-Steinkohle zum Basiascher Donauhafen zu befördern. Die 33,8 km lange Eisenbahnstrecke Orawitz-Steierdof-Anina ist eine technische Sehenswürdigkeit. Serpentinenartig windet sich diese Eisenbahn die Berge hoch, durch 14 Tunnels und auf 7 Viadukten über Schluchten mit Speziallokomotiven einen Höhenunterschied von 338 m bewältigend.

Kulturelles Leben

Während der staatlich ungarischen Verwaltung, äußerte sich das Volksbewußtsein der deutschen Bevölkerung von Orawitz nur privat und auf kulturellem Gebiet. Das Schulwesen muß auf Grund der Magyarisierungsbestrebungen als Träger ethnischer Entfremdung bezeichnet werden. Eine deutsche Schule gab es erst nach dem Ersten Weltkrieg wieder. Bis 1945 besaß Orawitz ein Frauenkloster, dessen Schulschwestern eine Mädchen-Elementarschule sowie ein Gymnasium unterhielten, ferner gab es eine deutsche Knaben-Volksschule, ein rumänisches Mädchen-Gymnasium und ein rumänisches Knaben-Lyzeum.
Die in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts von dem Werschetzer Zeitungsverleger Juhus Wunder gegründete Wochenzeitung ,,Orawitzaer Wochenblatt" wurde bis September 1944 von der Druckerei Josef Kaden in Orawitz herausgegeben. Diese Zeitung stellt im besten Sinne eine Stadt- und Komitats-Chronik dar. Montan-Orawitz besitzt das älteste, im Jahre 1817 eröffnete Theater Rumäniens. Und damals geruhten Kaiser Franz und die Kaiserin Karoline-Auguste anläßlich ihres Besuches in Orawitz zwei Vorstellungen beizuwohnen.
Orawitz war eines der Banater Dekanate. Der letzte Kreisdechant von Orawitz war der zuletzt in Königsgnad (Tirol) als Seelsorger tätige Pfarrer und Heimatforscher Karl Tribus, gebürtig aus Orawitz. Wegen seiner zahlreichen außergewöhnlichen Marmordenkmäler war der kath. Friedhof von Orawitz berühmt. Heute zerfällt er zusehends.

Unter kommunistischer Herrschaft

Am 14. September 1944 verließen zwei Drittel der deutschen Familien die Stadt. Davon ließen sich mehr als die Hälfte in der Bundesrepublik Deutschland, hauptsächlich in Niedersachsen, nieder, der Rest, soweit noch am Leben, ist in Österreich, Mitteldeutschland und in Übersee. Nach meinen Erhebungen aus dem Jahre 1975 lebten damals dort noch 294 Deutsche. Davon waren 15 Kinder, von welchen nur 6 die 4-klassige deutsche Sektion der Volksschule besuchten. Von den 279 Erwachsenen bekannte sich ein Teil auf Grund sattsam bekannter Umstände nicht mehr zum Deutschtum. Es gibt viele Mischehen, meistens mit rumänischen Ehepartnern. Eine kulturelle Wirksamkeit der wenigen, noch in Orawitz lebenden Deutschen war nicht festzustellen. Die Besitztümer der Deutschen, in der Regel Einfamilienhäuser, wurden nicht enteignet, lediglich große Bauobjekte und Betriebsvermögen in der Hauptgasse. Die Grundvermögen der geflüchteten Orawitzer Landsleute wurden bis 1973 von der Stadt verwaltet und dann hauptsächlich an Rumänen verkauft. Die noch zerstreut in Orawitz lebenden Deutschen sind unterwandert von Rumänen aus allen Landesteilen, die in den dortigen Uran-Bergwerken arbeiten.
Das am Fuße des Große-Tilfa-Berges gelegene Tal Königsegg, benannt nach dem Präsidenten der Wiener Hofkammer des frühen 19. Jh., beherbergte nach 1740 eine Anzahl Kupfer- und Bleigruben. Hier entdeckten russische Montansachverständige 1946 Uranium. In der Folgezeit entstand in Königsegg unter dem Namen ,,Ciudanovita" das wohl ergiebigste Uranabbaugebiet Südosteuropas. Über dieses hermetisch abgeschlossene Sperrgebiet waren in den Jahren der kommunistischen Diktatur nur wenige Nachrichten zu erhalten. Jedoch ließ sich an der ständig zunehmenden Arbeiterbevölkerung auf den Umfang des Bergwerkes schließen. Mit Ausnahme eines Ingenieurs waren in den Urangruben keine Deutschen aus Orawitz beschäftigt.
 
 

,,Unmoralisches" aus Orawitz

Die Orawitzer Bürger gingen mit der Zeit. Um die Jahrhundertwende waren auch in Orawitz Kneipp-Kuren in Mode. Das scheint für manch einen ein Stein des Anstoßes gewesen zu sein. In dem Buch ,,Délkeleti képek" (Südost Bilder) von Frank Zoltán, erschienen 1900 in Orawitz, ist auf Seite 78 zu lesen: ,,Freilich weiß ich nicht, was... Frauen aus anderen Gegenden dazu sagen würden, wenn sie sehen könnten, wie lieblich und unbekümmert leicht hier deutsche Frauen ebenso wie die an Parkettböden gewöhnten jungen Mädchen vor den Augen und inmitten jener Männer ihre Kleider gelassen hochheben, die ihre Hosen ebenfalls hinaufstülpen, um ihre vorschriftsmäßigen abend- und morgendlichen Wassertretübungen zu verrichten. Nach den koketten Blicken der ersten Tage sollen auch wir glauben, daß dies bloß eine... Kur sei! Punktum! Ja, sie lassen sich in diesem Zustand, also nackt bis zum Knie, Gruppenaufnahmen anfertigen!"

Aus ,,Orawitzaer Wochenblatt", Weihnachten 1993, herausgegeben von Tibor Lichtfuss
 
 
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