Der Reschitzarer

Von vornhinein möchte ich klarstellen, daß der Reschitzarer nicht zwingend auf seiner Geburtsurkunde Reschitz als Geburtsort stehen hat. Hauptsache, er hat lange genug in Reschitz gelebt, um ein Reschitzarer zu werden. Das mag verwundern, aber die folgenden Zeilen werden erklären, warum das so ist.
Wer ist ein Reschitzarer? Oder sollte ich besser fragen, was ist der Reschitzarer? Eigentlich ist er ein ganz normaler Mensch wie all die anderen Menschen auch - meistens jedenfalls. Der eine ist kräftiger, der andere weniger, der eine schlanker, der andere nicht so sehr. Vielleicht hat der Reschitzarer eine kräftigere Leber, aber im Grunde genommen ist nichts Besonderes an ihm dran. - Oder doch? Kurz und gut, liebe Leserin, lieber Leser; um Dich nicht noch länger auf die Folter zu spannen, sei gesagt: an dem äußeren Erscheinungsbild suchst Du vergeblich etwas, was den Reschitzarer von anderen Leuten unterscheidet. Er ist äußerlich nicht schöner und nicht häßlicher als all die anderen Menschen auf dieser Erde. Das Besondere ist nämlich nicht sein Äußeres, das Besondere ist in ihm drin. Es ist sein Geist, der ihn zum Reschitzarer macht, was manche bewundern, manche in Staunen versetzt, manche den Kopf schütteln läßt und manche gar dazu verleitet, ihn einen Spinner zu nennen. Sein Geist ist es auch, der ihn veranlaßt, sein Heimatstädtchen abgöttisch zu lieben. Reschitz, diese Ansammlung von kleinen Häusern um ein großes Fabrikgelände, ist für den echten Reschitzarer die schönste häßliche Stadt der Welt. Der Reschitzarer ist mit jedem Teilchen seines Städtchens und seiner näheren Umgebung verbunden. Als Kind hat er sicher in irgendeinem Gewässer der Gegend gebadet. In seiner Jugend hat er die Berge um Reschitz unsicher gemacht. Und von Stahl und Eisen, von Autos und Motorrädern versteht er meist mehr als die anderen jungen Leute seines Alters aus anderen Gegenden des Landes. Aber vielleicht ist das auch nichts Besonderes. Solange der Reschitzarer unter seinen Reschitzarern ist, fällt er auch nicht auf, schließlich ist er unter seinesgleichen. Aufmerksamkeit erregt er erst, wenn er Reschitz verläßt. Egal, wo auf dieser Welt ein Reschitzarer landet, er wird immer seinen Mann /seine Frau stehen. Die einen mögen seine lustig-originelle Art, die anderen amüsiert sein verräterisch-sympathischer Dialekt, und alle mögen sein offenes, manchmal sehr direktes Wesen.
Der Reschitzarer ist ein Alleskönner. Wo manche sagen: ,,Da ist nichts mehr zu machen!" kommt seine Antwort in breitem Dialekt: ,,A geh, tes mach ma schun, paß auf, und im Handumdrehen fällt ihm eine originelle, meist äußerst unkonventionelle Lösung ein. Das heißt nicht, daß er für jedes Problem die richtige Lösung sofort parat hat, sondern daß er so rasch nicht aufgibt und auch nicht davor zurückschreckt, Tabus zu brechen - wenn's sein muß, vorausgesetzt, es dient einer guten Sache.
Der Rechitzarer ist ein einfach-komplizierter Mensch; einfach, wenn es um einfache Dinge geht wie Liebe, Ehre, Treue und Menschlichkeit; kompliziert, wenn man versucht, ihn mit normalen Maßstäben zu messen.
Zugegeben, das hört sich ein bisserl an wie eine Liebeserklärung und ist sicher ein klein wenig subjektiv. All die Reschitzarer, die das hier lesen, mögen mir verzeihen, wenn ich einiges unter- oder übertrieben habe oder irgend etwas vergessen haben sollte. Aber für mich ist der Reschitzarer so von dem Tag an, als ich begonnen habe, diese Welt bewußt wahrzunehmen. 


Othmar Vetrovetz
 
 
 

Mir sein ma Reschitzarer

In den zwanziger Jahren bauten die Reschitza-Werke zusammen mit einer englischen Firma die Donaubrücke bei Pantschowa in Jugoslawien. Als die Brücke fertig war, wurde sie feierlich eingeweiht. Bei den Festlichkeiten wurde insbesondere die Leistung der Reschitzaer Montage-Arbeiter gelobt, die mit ihrer Arbeit, trotz der ungünstigen Witterung, vorfristig fertiggeworden waren. Darauf hätte der Leiter der Montage-Belegschaft einige Worte sprechen, sich für die anerkennenden Worte bedanken sollen. Aber der Brückenbaumeister Biefel war kein Redner, auch soll er schon etwas im Kopf gehabt haben, er trat vor und sagte, stolz und glückstrahlend, nur soviel: ,,Mir sein ma Reschitzarer!"


(erzählt von Karl Bittner, 58, aufgeschrieben von A. Tietz 1943)
 


Reschitzer, Reschitzaer, Reschitzarer oder wie?

Der Titel des Beitrages von Othmar Vetrovetz hat der Redakteurin etwas Kopfzerbrechen bereitet. Der Reschitzarer? Als Titel eines Mundarttextes, ja. Aber über einem hochdeutschen Text? Die ,,Reschitzarerin", die ich ja irgendwo immer noch bin, kann gut damit leben. Aber die Lehrerin zückte den Rotstift, und die Redakteurin kam ins Grübeln. Vielleicht sollte man sich ja mal in unserem Heimatblatt damit auseinandersetzen. Gedacht getan. Einfach ist das nicht. Die Regeln der Wortbildung müssen bemüht werden. Und ganz ohne Geschichte geht's auch nicht.
Daß es den Ort gab, bevor 1771 hier der erste Hochofen errichtet und Deutsche angesiedelt wurden, ist bekannt. Es war ein rumänisches Bauerndorf und lag an jener Stelle etwa, die wir später so schön ,,reschitzarerisch" Roman-Reschitz nannten. Belegt ist die rumänische Schreibweise ,,Recita". (Das hat manche veranlaßt, den Ortsnamen auf das rumänische Wort ,,rece" zurückzuführen und mit der ,,kalten Quellen" im Domaner Tal in Verbindung zu bringen.) Die Sprache der Habsburger Administration unterschied zwischen Kameral-Reschitz, das war die alte Siedlung, und Montan-Reschitz, dem Ortsteil, wo die Werke errichtet und nach und nach von auswärts angeworbene Fachleute angesiedelt wurden. In der Kanzleisprache des Wiener Hofes hieß es ,,Eisenwerke Röschitz". Aber ein ö kennt die Mundart des Reschitzers nicht. Also sagte er ,,Reschitz". Und so sagen die meisten von uns heute noch. (So wie man deutsch Rom sagt und nicht Roma.) Und so wie jemand, der in Wien wohnt, ein Wiener ist, einer aus Görlitz ein Görlitzer, so war ein Bewohner von Reschitz ein Reschitzer und blieb es einige Jahrzehntelang. ,,Reschitzer" klingt heute sehr ungewohnt. Aber wir müssen etwas bedenken, was dem Reschitzaer von heut unvorstellbar ist: Die im 18. Jh. ins Banater Bergland eingewanderten Steirer, Zipser etc. konnten weder rumänisch noch ungarisch. Da war es für sie selbstverständlich, daß einer in Reschitz ein Reschitzer war, so wie einer aus der Zips ein Zipser war. Und bedenken wir noch etwas: Auch die Sprache, ob Hochsprache oder Mundart, ist stetem Wandel unterworfen, aus unterschiedlichen Gründen.
Und ein solcher Wandel war der vom ,,Reschitzer" zum ,,Reschitzaer" bzw. ,,Reschitzarer". Daß es dazu kam, hat sowohl mit der Sprache wie auch mit der Geschichte etwas zu tun.
Zuerst zur Geschichte. 1867 ließen sich die Habsburger auf einen Handel mit den Ungarn ein. Gibst du mir die ungarische Königskrone, geb ich dir das Banat. So wurde der Kaiser von Österreich auch König von Ungarn und aus dem Reich der Habsburger die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. ,,Ausgleich" nannte man das offiziell, was sich friedlich anhört, aber
eine aggressive Madjarisierungspolitik zur Folge hatte. Dazu gehörte auch, daß die Orte amtlich und öffentlich ungarische Namen führen mußten. So wurde ,,Reschitz" zu ,,Resicza", und das Lokalblatt wurde die ,,Resiczaer Zeitung". Die ungarische Schreibweise war Vorschrift. Aber auch als diese Vorschrift nach 1918 wegfiel, behielt das Blatt seinen Namen. Nur die Schreibweise wurde eingedeutscht. Man schrieb jetzt ,,Reschitzaer Zeitung", und so hieß das Blatt, bis sein Erscheinen in den vierziger Jahren eingestellt wurde.
Der Gebrauch der Wortform ,,Resicza" und später ,,Reschitza" in der Schriftsprache trug mit Sicherheit dazu bei, daß man sich allmählich an sie gewöhnte, zumal ja auch die Rumänen den Ort so nennen.
Was den Gebrauch des Ortsnamens in der gesprochenen Sprache angeht, so sagte man als Deutscher anfangs ,,Resicza" nur, wenn man ungarisch sprach. Der Mundartsprecher benutzte weiterhin die deutsche Form, das vertraute und kürzere ,,Reschitz". Aber ,,Resiczaer" - das in der Mundart ,,Reschitzara" ausgesprochen wurde und wird - gewann Terrain. Warum? Das hat nun etwas mit Sprache zu tun, mit der Lautbildung in der Mundart und mit den Regeln der Wortbildung. Zum einen ist das Wort sprachlich korrekt gebildet, abgeleitet von ,,Reschitza", muß es ,,Reschitzaer" heißen. (vergleiche: Fulda - Fuldaer) Zum anderen - und das war sicherlich der Hauptgrund - ist der Unterschied in der Aussprache zwischen dem älteren, deutschen ,,Reschitzer" und dem ungarischen ,,Resicza" in der gesprochenen Sprache des Reschitzers minimal, wenn nicht gar inexistent. Nun war aber die Lautform ,,Reschitza", bedingt durch die Einführung des Ungarischen als Amts- und Unterrichtssprache, auch im von Deutschen bewohnten Montan-Reschitz immer häufiger zu hören. Das machte eine akustische Unterscheidung zwischen ,,Reschitza" und ,,Reschitzer" notwendig. Also entschied sich der Mundartsprecher, zwar unbewußt, aber mit einem feinen Gespür für die Ausdrucksmöglichkeiten seiner Sprache für ,,Reschitzara".
Wie kam es zu dieser Aussprache? Die Lautkombination -ae- ist im Deutschen äußerst selten anzutreffen. Und dann auch noch das -r- am Wortende, daß der Mundartsprecher sowieso nicht ausspricht. Also war für sein Ohr die Aussprache ,,Reschitzaer" geradezu unmöglich. Schiebt er aber ein -r- zwischen a und e, klappt das mit der Aussprache. (Solche ,,Einschübe" sind übrigens nichts Ungewöhnliches im Laufe sprachlicher Veränderungen.) Und damit wurde aus dem ,,Resiczaer" der Schriftsprache der ,,Reschitzarer" des Mundartsprechers, das er, wie bereits erwähnt, stets ,,Reschitzara" aussprach und ausspricht, mit diesem stumpfen, kurzen a am Ende, mit dem wir immer die Endung -er- aussprechen. (vergleiche: Arbeiter = Oabeita, Lehrer = Leara etc.) Heute sprechen nur noch wenige Reschitzaer Deutsche ungarisch. Und es ist uns nicht bewußt, daß unser ,,Reschitzarer" ein Erbe der Madjarisierungspolitik einer längst vergangenen Zeit ist. Er war eine Lösung in der Sprachnot und wurde später von den Bewohnern des Ortes mitunter wie ein ,,Markenname" benutzt, wie die kleine Geschichte ,,Mir sein ma Reschitzarer" zeigt. Gesagt werden sollte noch, daß eine Zeitlang beide Formen in Gebrauch waren, also ,,Reschitzer" und ,,Reschitzara", bis sich nach dem Zweiten Weltkrieg letztere in der Reschitzer Mundart endgültig durchgesetzt hat. Das hat sicher auch mit dem zunehmenden Einfluß des Rumänischen zu tun, wo der Ortsname ja bekanntlich auch ,,Resita" lautet, also mit -a- am Wortende wie im Ungarischen. Die deutsche, ältere Form ,,Reschitzer" ist heute, wenn überhaupt, nur noch älteren Mundartsprechern bekannt. Verwendet wird sie nicht mehr, obwohl sie die im Deutschen sprachlich korrekte Ableitung von Reschitz ist.
In der deutschsprachigen Öffentlichkeit Rumäniens wurden und werden ausschließlich die Formen ,,Reschitza" und ,,Reschitzaer" verwendet, z.B. auch im ,,Neuen Weg" und seiner Nachfolgerin, der ,,Allgemeinen Deutschen Zeitung". Damit wird die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Gebrauch gekommene ungarische bzw. die rumänische Form des Ortsnamens in deutscher Schreibweise beibehalten. Selbst in der Monatsschrift des ,,Kultur- und Erwachsenenbildungsvereins Reschitza" findet sich diese Schreibweise, obwohl die Mitglieder des Vereins, soweit mir bekannt ist, nach wie vor so sagen wie auch wir hier in Deutschland, nämlich ,,Reschitz". Nur uns von den ,,Banater Berglanddeutschen" fällt der endgültige Abschied vom alten, vertrauten ,,Reschitz" schwer. Doch daraus ergibt sich für die Redaktion immer wieder ein Sprachproblem, für das sie bisher noch keine befriedigende Lösung gefunden hat. So kommt es, daß wir mal ,,Reschitza", mal ,,Reschitz" schreiben, mal ,,Reschitzaer", mal ,,Reschitzer" und nun also auch ,,Reschitzarer". Der Name - ein Ergebnis wechselhafter Einflüsse, wie unsere Geschichte, wie unser Dasein.
Damit haben wir unser Problem zwar geschildert, aber noch nicht gelöst. Kehren wir also zurück in die Redaktionsstube. Hätte die Redakteurin den Rotstift ansetzen und aus dem Titel ,,Der Reschitzarer" das ,,hineingerutschte" -r- streichen sollen? Oder hätte die ,,Reschitzararin" einfach den Titel konsequenterweise so schreiben sollen, wie wir ihn aussprechen, nämlich ,,Ta Reschitzara"? Doch hier wird das Wort nicht gesprochen, sondern geschrieben, und das in einem hochdeutschen Kontext. Allerdings ginge mit dem hochdeutschen ,,Der Reschitzaer", etwas von dem verloren, was Othmar Vetrovetz mit seiner Geschichte zum Ausdruck bringen wollte, nämlich ,,Reschitzarer" als ,,Markennamen" für eine gewachsene Facharbeiterschaft, die stolz ist auf ihr Können und ihre Leistungen.
Wenn Landsleute in Texten, die sie an die Redaktion schicken ,,Reschitzarer" schreiben, dann steckt in diesem Wort wohl auch etwas von diesem Stolz. ,,Mir sei ma Reschitzara", das ist auch ein Bekenntnis zur eigenen Identität. Auf meine Frage, warum er das Wort so geschrieben hat, antwortete Othmar Vetrovetz: ,,Weil ich es so von Kindheit an gehört und gesagt habe - Reschitz und Reschitzara." Wenn unsere Autoren ,,Reschitzarer" schreiben, verrät dies auch, daß diese Identität in einer Vielvölkerregion Europas entstanden und gewachsen ist und sich somit in manchem von der eines in Deutschland groß gewordenen Deutschen unterscheidet. Und weil sie wissen, wie unsere Sprache ,,funktioniert", schreiben sie ,,Reschitzarer", als Anpassung des Mundartwortes ,,Reschitzara" an das Hochdeutsche. Deshalb hat die Redakteurin den bereits gezückten Rotstift weggelegt und das -r- stehenlassen, auch auf die Gefahr hin, daß damit ihr Problem noch größer wird. Denn jetzt kommt zu den bereits verwendeten Formen ,,Reschitzer" und ,,Reschitzaer" auch noch ,,Reschitzarer" hinzu. - Übrigens lesen wir merkwürdigerweise bei Alexander Tietz ,,Reschitzaer Brindzarauber" - mundartlich richtig ,,Rauber", nicht ,,Räuber", dann aber inkonsequenterweise ,,Reschitzaer", wie das kein Mensch ausspricht - auch Temeswarer nicht, die den Spottnamen meist parat haben, wenn sie einem Reschitzaer begegnen. An anderer Stelle lesen wir in demselben Buch die bereits erwähnte Geschichte ,,Mir sein ma (mundartlich eigentlich: sei ma) Reschitzarer". Also hatte auch Alexander Tietz unser Problem. Aber damit ist noch nicht alles zu dem Thema gesagt. Das Problem stellt sich nämlich auch bei der Mundart. Sprechen wir reschitzerisch, reschitzaerisch, reschitzarerisch oder etwa gar reschitzararisch? Diese schwierige Frage kommt spätestens dann auf die Redaktion zu, wenn wir uns mit der Sprache der Banater Berglanddeutschen in unserem Heimatblatt befassen wollen. Darum, liebe Leserin, lieber Leser, liebe Landsleute aus dem Banater Bergland, in Deutschland, Osterreich, Rumänien oder sonstwo in der Welt, helfen Sie uns, das Problem zu lösen. Wie? Ganz einfach. Schreiben Sie uns, wie Sie's gerne in unserem Heimatblatt lesen möchten:
1. Reschitz oder Reschitza?
2. Reschitzer, Reschitzaer, Reschitzarer oder gar Reschitzara?
Die Orawitzer sollten sich jetzt nicht schadenfroh ins Fäustchen lachen wegen dieser Wortklauberei. Die haben nämlich das gleiche Problem. Orawitzer, Orawitzaer, Orawitzarer oder wie? Grund genug, an der Problemlösung mitzumachen. Das Ergebnis unseres "Volksentscheids" geben wir in der nächsten Folge bekannt. Vorausgesetzt, Sie machen mit.

Gespannt erwartet die Redaktion Ihre Entscheidung.
 
 

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