Geschichte und Geschichten von Steierdorf



Die erste Heilige Messe
 

Das erste Gotteshaus der Ansiedler war der freie grüne Wald. Die Säulen waren die alten mächtigen Baumriesen, der erste Organist war der Wind, der bald friedlich still, bald stürmisch rauh durch die hohen Baumwipfel strich. Darüber spannte Gott sein unendlich weites Kirchendach mit seiner Sonnen- und Sternenbeleuchtung.
Der erste Altar war der Stumpf einer allen ehrwürdigen Buche, auf dem der Kaplan Franz Sommer aus Orawitz die erste Hl. Messe für die Aussiedler las.
Über diese Altarbuche wird folgendes erzählt: Johann Tritscher aus Schladming war auserwählt, unter der Aufsicht eines Orawitzaer Zimmermeisters, die Buche zu fällen. Der altersgraue Baumriese war kaum gefallen, als Tritscher von dem Zimmermeister zwei schallende Maulschellen erhielt. Dazu sagte er noch: ,,Na, na, mach dir nichts draus. Diese zwei Ohrfeigen habe ich dir nicht als Strafe gegeben, sondern als Erinnerung für dich, deine Kinder und Kindeskinder, daß du die Ehre gehabt hast, den Baum zu werfen, auf dem die erste Heilige Messe gelesen wurde. So laß es gut sein!"

Tiberius Huszka, Steierdorf, in ,,Echo der Vortragsreihe", Nr.6/1998
   Die Arbeit der Holzschläger

Der Arbeitsbereich der Männer war der Wald, wo sie als Wochenberger die ganze Woche hindurch in mehr als luftigen, aus Holzspältlingen zusammengefügten Hütten hausten, nach schweren Tagwerken auf bloßen, grob zugehackten Brettern schliefen, wobei sie im Winter auf der dem Hüttenfeuer zugekehrten Körperseite fast verbrannten und auf der der Hüttenwand zugekehrten Seite nahezu erfroren. Während der kurzbemessenen täglichen Arbeitspausen - eine halbe Stunde zum Frühstück, eine Stunde zu Mittag - mußten sie ihre kargen Speisen selbst zubereiten, und zwar Einbrennsuppe zum Frühstück, Sterz, Nocken und Kartoffeln, Holznocken -jedenfalls sehr 'nahrhafte' Speisen - zu Mittags- und Abendessen. Montag und Dienstag, also an den Anfangstagen der Woche, waren auch Butter und Topfen eine kleine Abwechslung im täglichen Menü. Montags, schon vor Tagesanbruch, wanderten die Waldarbeiter, mit vollem Rucksack und auch noch mit verschiedenen Werkzeugen belastet, die steilen, weglosen Hänge hinan, um auf möglichst kurzen Wegen je eher die Arbeitsstätten zu erreichen; und erst Samstag, die Köhler sogar erst nach vierzehn Tagen, kehrten sie wieder ins Dorf, in ihre Wohnungen, zu ihren Familien zurück. An diesem Tage, Samstag, wurde das Tagewerk im Sommer schon um vier, ansonsten um fünf Uhr morgens, begonnen und um ein Uhr Mittag Feierabend gemacht; nun wurden die noch von der Wochenkost übriggebliebenen Brotstücke, um dieselben nicht wieder nach Hause zu tragen, mit etwas vorrätigem Fett ausgeröstet und verzehrt (Reste wurden den Kindern nach Hause mitgenommen), hernach wurden die Werkzeuge in verschiedenen Holzstößen oder unter Laub und Reisig versteckt, und dann zogen sie heim, die wackeren Holzknechte, um das Wochenende im Kreise ihrer Familie zu verbringen. Sie wurden von den kleinen Kindern mit Sehnsucht erwartet und mit Jubel empfangen wegen des sogenannten Hasenbrotes, das der Vater angeblich im Walde von den Hasen geschenkt bekommen hatte; den Müttern und Eheweibern aber wurden die abgerissenen, unsauberen Kleider zum Ausbessern und Reinigen heimgebracht. Auch im Winter dauerte das Tagewerk von sechs Uhr früh bis sechs Uhr abends; in den finsteren Morgen- und Abendstunden ersetzen brennende Reisig stöße und Schlagabfälle das Tageslicht - so auch der gute Mond.
Die Arbeitskleider der Waldarbeiter waren grobes leinenes Hemd und Unterhose aus demselben Stoff, eine Zeughose darüber; im Winter Barchenthemd und Barchentjanker, ein Halstuch aus Schafswolle und Filzhut; bei sehr großer Kälte trug man das ärmellose Pelzleibchen; Holzschuhe und 'Opintschen' waren die Fußbekleidung.

Aus schriftlichen Aufzeichnungen des pensionierten Forstwarts Joseph Wingdhager 1860-1945,
Waldarbeitersohn aus einer der ersten Ansiedlerfamilien in Franzdorf, in seiner Jugend selbst Waldarbeiter.
 

So ist die Aninaer Kohle aufgefunden worden

Wissen Sie, wer die Aninaer Steinkohle gefunden hat? Ein Schwein. Die Steinkohle war ganz nah an der Oberfläche gelegen, nur mit einer dünnen Grasschicht bedeckt, und das Schwein hat mit seinem Rüssel die Scholle von der Kohle fortgewühlt. Zufällig machten die Schweinshalterbuben von Steierdorf gerade an der Stelle, wo das Schwein die Steinkohle bloßgelegt hatte, ihr Lagerfeuer. Auf einmal merkten sie, daß der Stein unter ihrem Feuer brennt! Ein Bub nahm ein Stück von dem 'schwarzen Stein', der brennen kann, mit ins Dorf und zeigte ihn seinem Vater. Der Vater, ein Holzschläger namens Nikolaus Hammer, zog sein Sonntagskleid an, wickelte den Stein in ein Schnupftuch und trug ihn zu der Königlichen Bergdirektion nach Orawitz. Als die Herren den Stein sahen, wurden sie auf einmal sehr freundlich. Sie klopften dem Mann auf die Schulter und ließen ihm bei der Kasse eine Belohnung von fünfzig Gulden auszahlen.
So ist die Kohle von Anina aufgefunden worden. Das war im Andreasgraben im Aninaer Tal. Dort wurde der erste Schacht, der Purcaru-Schacht, getauft. (Purcar bedeutet auf Rumänisch Schweinshalter.)

Josef Skala, 1957, 90 Jahre alt, gewesener Steiger, Anina

 

Die Betonlunge

In den früheren Zeiten wurden in der Grube mit Handbohrern und Handfäustel gearbeitet. Einer hielt den Handbohrer, und der andere schlug mit dem Handfäustel darauf.
Um 1912 sind der Bohrhammer und der Schremmhammer eingeführt worden. Beide werden mit Luftdruck betrieben. Mit dem Bohrhammer wird das Sprengloch in den Stein getrieben, mit dem Schremmhammer, der breite Meißel hat, wird das Profil erweitert. In der ersten Zeit wurde der Bohrhammer auf einen Ständer gestützt, dann sind die automatischen Bohrhämmer aufgekommen, die in der Hand gehalten werden.
Der Bohrhammer erzeugt beim Bohren Staub. Es entsteht ein derart dicker Staub, daß man die elektrische Lampe nicht mehr sieht. Der eingeatmete Staub legt sich auf die Lunge und bringt den Bergmann in kurzer Zeit um. Als Schutzmaßnahme gegen den Gesteinstaub ist die Wasserspülung eingeführt worden: der Bohrer ist immer unter Wasser. Aber durch die Spülung geht die Arbeit im Schlamm langsamer vorwärts, und der Bergmann kann nicht so viel erzeugen wie bei dem trockenen Bohren. Die Löhne waren früher; in kapitalistischer Zeit, so niedrig, daß der Bergmann, um etwas zu verdienen, auf die Wasserspülung verzichtete. Er band sich ein nasses Tuch vor Mund und Nase und bohrte trocken. Das Trockenbohren wurde zwar von der Werkleitung verboten, aber die dafür bestimmten Geldstrafen waren so unbedeutend, daß das Verbot praktisch unbeachtet blieb. Es setzte unter den Bergleuten ein Massensterben ein. Ganze Gassen waren nur mehr von Witwen bewohnt.
Da arbeitete in Anina im Bergwerk ein starker Mann, er war früher Fleischhauer gewesen, er hatte im Zirkus mit dem Bären gerungen; er arbeitete in der Grube mit zwei Schremmhämmern auf einmal und trocken; ihm könne der Staub nicht schaden, sagte er; in sechs Monaten war er tot.
Ein anderer Bergmann war Ringkämpfer. Einmal war eine Riese entgleist und in die Wasserrösche gefallen. Acht Mann plagten sich, die Riese aufzuheben. Er sagte: ,,Geht's weg!" Stellte sich mit dem Rücken an die Riese und hob sie allein ins Geleise hinein. Eine solche Bergriese kommt auf tausend Kilogramm. In zwei Jahren wanderte auch er auf den Friedhof. Die Leute sagten: ,,A Betonierter is gangen."
Heute ist das Trockenbohren streng verboten und wird nicht mehr geübt. 


Alexander Ribal, 1957, 60 Jahre alt, pensionierter Bergmann aus Anina-Tschellnick

Die Erzählungen von Alexander Ribal und Josef Skala sowie die Aufzeichnungen von Joseph Windhager wurden der Sammlung von A. Tietz ,,Wo in den Tälern die Schlote rauchen" entnommen.
 

Weitere Publikationen zur Geschichte des Banater Berglandes

Josef Kracher: Geschichte von Steierdorf-Anina 1773 bis 1873. Temesvar 1873
Gerda Schön: Steierdorf im Banater Bergland. Eine Auswertung der ersten Kirchenbücher von 1774-1852. Ulm 1992*
Wilhelm Siovig: Kurzer Umriß der Geschichte von Steierdorf-Anina. Hermannstadt 1940
Franz Stanglica: Steierdorf im Banat. Leipzig 1939. Überarbeitet und herausgegeben von Gerda Schön. Bad Vilbel 1982
Josef Tritfler: Die Einwanderung aus dem böhmischen Raum nach Steierdorf 1846 bis 1860. Manuskript 1941
C. Fenesan, R. Gräf, VM. Zaberca, I. Popa: Din istoria carbunelui. Anina 200. Reschitza 1991
Alexander Tietz: Wo in den Tälern die Schlote rauchen. Bukarest 1968
Julius A. Baumann: Geschichte der Banaler Berglanddeutschen Volksgruppe. Wien 1989
Georg Hromadka: Kleine Chronik des Banaler Berg lands. München 1993*
Karl L. Lupsiasca: Dieses von Natur aus reiche Land. Reschitza 1997*
Rudolf Gräf: Domeniul banatean als St EG. Reschitza 1997*
,,Echo der Vortragsreihe", Heft 6, Juni 1998, Reschitza

Die mit * gekennzeichneten Bücher sind beim Heimatverband erhältlich
 

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