Der Grafiker und Maler Julius Stürmer

Die Wurzeln der Familie Stürmer liegen im Banater Bergland, ihre Zweige aber haben Künstler hervorgebracht, deren Wirken über die Grenzen des Landes hinaus Anerkennung findet.
Den Temeswarern und Reschitzern ist der Musiklehrer und Chorleiter Franz Stürmer bekannt. Um sein Andenken zu ehren, wurde der Frauenchor des Forums der Banater Berglanddeutschen kürzlich nach ihm benannt. Sein Sohn Helmut Stürmer, dessen Laufbahn als Bühnenbildner in Bukarest begann, ist für bedeutende europäische Theater erfolgreich tätig. Den Brüdern Viktor und Julius Stürmer, Söhne des Kirchenmalers Julius Stürmer aus Karansebesch, wurde das Talent gleichsam in die Wiege gelegt.
Julius Stürmer, der jüngere der Brüder, wurde am 22. Mai 1915 in Karansebesch geboren. Als junger Kunststudent kam er in das Berlin der dreißiger Jahre, wo schon bald erste Werbezeichnungen des erst Zwanzigjährigen veröffentlicht wurden:
Plakate für Auto- und Motorradrennen, Titelbilder für einschlägige Fachzeitschriften. Doch die erfolgreich begonnene berufliche Laufbahn als Werbegrafiker wurde durch die Kriegsereignisse erst einmal unterbrochen. Nach dem Einmarsch der Roten Armee in Rumänien tauchten Julius Stürmer und sein Bruder unter. Sie wurden aber vom KGB in Kronstadt aufgespürt und verhaftet. Als politische Häftlinge kamen beide in das Straflager Workuta jenseits des Polarkreises. Er habe diese eisige Hölle nur überlebt, weil er die Wachleute und Offiziere porträtiert habe und ihm deswegen Vergünstigungen gewährt wurden, sagte Julius Stürmer später. 1956 wurde er entlassen. In Deutschland konnte er bald an die beruflichen Erfolge der Vorkriegszeit anknüpfen.
Julius Stürmer war schon als Kind von der Technik fasziniert. Vor allem der Motorwelt galt und gilt bis heute sein besonderes Interesse. Als Knirps sah er in Werschetz (heute jugoslawisches Banat) während des ersten Weltkrieges die ersten Flugzeuge und Zeppeline. Einer der Jagdflieger hob ihn auf den Pilotensitz und ließ ihn die Apparate berühren. “Es ist meine erste Erinnerung überhaupt. Seit jenem Tag sind Flugzeuge, Autos, Motorräder meine große Leidenschaft“, sagt Julius Stürmer
Beruflich ist Julius Stürmer in der deutschen Automobilwelt zu Hause. Seine Arbeiten finden sich im Automobilmuseum in Aschaffenburg, in der Opel-Sammlung Rüsselsheim, bei Audi, BMW, Mercedes, Continental-Reifen, Firmen, für die er über Jahrzehnte gearbeitet hat. Die meisten seiner Arbeiten zum Thema Auto sind jedoch in einem ganz besonderen Museum ausgestellt. In Wolfegg im Allgäu, unweit von Memmingen, hat der Motorsport-Journalist Fritz B. Busch in einem Barockschloss ein Automobilmuseum eingerichtet. Autogeschichte kann hier live erlebt werden. 1998 wurde das Museum erweitert. Im Neubau sind Oldtimer sowie Liebhaber-Autos bekannter Persönlichkeiten zu sehen. Zwei der Räume hat Busch für eine Stürmer-Dauerausstellung zur Verfügung gestellt. Sie führt durch Leben und Werk des Künstlers, zeigt natürlich vor allem seine Arbeiten als Werbegrafiker, aber auch Entwurfzeichnungen und Karikaturen zum Thema Motorsport. Die Entwürfe verraten die vorausschauende Phantasie des Künstlers. So zeichnete er Motorroller zu einer Zeit, als es diese noch gar nicht gab. Seine Karrosserie-Entwürfe muteten in den sechziger Jahren futuristisch an. Heute werden solche Autos gebaut. Erwähnenswert ist auch ein anderes Museum, in dem mehrere Bilder von Stürmer gezeigt werden. Es ist das Historisch-Technische Informationszentrum in Peenemünde auf der Ostseeinsel Usedom. Es entsteht zur Zeit dort, wo einst die “Wunderwaffe“ Hitlers hergestellt wurde. 1972 lernte Julius Stürmer den aus Siebenbürgen stammenden Professor Hermann Oberth kennen. Stürmer war von dem “Visionär im Dienste des Schöpfers“ tief beeindruckt. Er porträtierte ihn. Daraufhin erhielt er den Auftrag, Porträts weiterer Pioniere der Raumfahrt zu zeichnen, unter ihnen auch den deutsch-amerikanischen Raketenbauer Wernher von Braun. Die Porträts sind neben anderen Arbeiten von Stürmer in Peenemünde zu sehen.
“Der Tod war immer gegenwärtig und wurde oft herbeigesehnt.“ Der Satz steht handgeschrieben auf einer der Zeichnungen von Julius Stürmer, die in Workuta entstanden sind. Es sind Zeugnisse des Lebens in den Arbeitslagern der ehemaligen Sowjetunion. Da es darüber nur wenig Foto- und Filmmaterial gibt, besitzen die Bilder der Brüder Stürmer Dokumentationswert. Ihre Aussagekraft vermittelt dem Zuschauer eine Vorstellung vom unermesslichen Leid der unschuldig zwangsinternierten Menschen. In den letzten Jahren waren diese Zeichnungen in Ausstellungen zum Thema Deportation in die Sowjetunion zu sehen.
Julius Stürmer kann auf eine beeindruckende Lebensleistung zurückblicken. Obwohl in sein Leben - wie in das vieler Menschen seiner Generation der Krieg auf tragische Weise eingegriffen hat, hat sich Stürmer als Mensch und Künstler ein erstaunliches Potential an Lebenskraft und Kreativität bewahrt. Er ist ein Nimmermüder, der, obwohl längst im Rentenalter, immer noch aktiv ist. Die Landschaft, aus der er kommt, hat er nicht vergessen. In einer umfassenden Betrachtung über Einzug und Verbreitung der Motorfahrzeuge im Banat nach dem ersten Weltkrieg erinnert er an sie.
 
 

Zum 85. Geburtstag wünscht der Heimatverband
der Banater Berglanddeutschen Julius Stürmer
alles Gute, Gesundheit und auch
weiterhin Schaffensfreude.