Strukturelle Veränderungen in der Wirtschaft des Banater Montangebietes

von Dr. Rudolf Gräf


Fortsetzung
Teil 1 in der Ausgabe September-Oktober

1. Das Zeitalter der Nichteisenerze (18. u. 1. Hälfte des 19. Jh.)

Nachdem das Banater Bergland in den Besitz der Wiener Hofkammer gelangt war, begann man mit der Ausbeutung der Nichteisenerze. Kupfer vor allem, aber auch Silber, Blei und Gold wurden gewonnen. Die wichtigsten Kupferbergwerke waren in Dognatschka, Orawitz, Saska und Bosniak oder Neu-Moldowa. Auch Eisenerz wurde abgebaut, u.zw. bei Eisenstein. Es wurde im Eisenwerk Bokschan bearbeitet und nach 1771 im Eisenwerk Reschitz. Aber es spielte anfangs im Vergleich zu Kupfer keine große Rolle. Die Verwaltung der Bergwerke oblag vier Bergämtern. Sie wurden eingerichtet in Orawitz, Bokschan, dessen Rolle später Reschitz übernahm, Dognatschka und Saska, das 1877 aufgelöst und der ,,Verwaltung" (wie die Ämter in der StEG-Zeit genannt wurden) Neu-Moldowa zugeteilt wurde. Die Bergämter standen unter der Leitung des 1723 gegründeten k.k. Oberbergamtes, welches als solches, später unter der Bezeichnung Banater Bergdirektion, mit kaum nennenswerten Unterbrechungen bis 1856 bestand, zeitweilig seinen Sitz in Temeswar hatte, die meiste Zeit aber in Orawitz. In der Regel wurde das Kupfer in den Orten, wo das Erz abgebaut wurde, auch verhüttet. Es entstehen Kupfer-und Bleihütten, nur in Bokschan wird ursprünglich ein Eisenwerk gebaut. Die Kupferproduktion erreichte jährlich zwischen 2000 - 3000 Zentner Sie wurde im 18. Jh. überwiegend von Gewerken betrieben, eine Form von Privatunternehmen. Einen Teil des erzeugten Kupfers kaufte der Wiener Hof den Gewerken ab, ließ es weiterverarbeiten und verkaufte dann die Fertigerzeugnisse in eigener Regie. Das Kupfer, das nicht nach Österreich verkauft wurde, bearbeitete man in den Banater Bergstädten.
Es ist für uns heute nicht so wichtig, wieviel Kupfer erzeugt wurde. Wichtig scheint mir, darauf hinzuweisen, wie die Entwicklung der Banater Industrie begann. Zum Unterschied von den Anfängen der industriellen Entwicklung in den westeuropäischen Ländern ging die Banater Industrie nicht aus der natürlichen Entwicklung des Landes hervor, sondern sie wurde von oben und von außen implantiert. Sie wurde von der merkantilistischen Politik des Hauses Habsburg gefördert, von Fachleuten aus dem Reich konzipiert und von Kolonisten aus dem Reich und einheimischen Bewohnern konkret aufgebaut. Diese Implantation hatte den Vorteil, daß im Banater Bergland die Entwicklungsetappen des Westens und Zentraleuropas nicht noch einmal durchgemacht werden mußten. Die industriellen Anlagen wurden auf dem technischen Niveau der Industriegebiete des Reiches gebaut. Mit mehr oder weniger Erfolg hat diese Industrie bis um die Mitte des 19. Jh. überlebt.
 

2. Das Zeitalter der Kohle und des Eisens (2. Hälfte d. 19. Jh.)

Der Aufschwung der Eisenhüttenindustrie beginnt erst um die Mitte des 19. Jh., nicht nur im Banat, sondern auch in den entwickelten westeuropäischen Ländern. Bis dahin war die Eisenhüttenindustrie in großem Maße von der Kriegsrüstung abhängig. ,,Das Roheisen ist im 18. Jh. Kanonenroheisen", so Fernand Braudel in seiner ,,Grammatik der Zivilisationen". Dasselbe gilt auch für die Eisenwerke Bokschan und Reschitza. Bis zum Beginn des Eisenbahnbaus gab es auch im Westen Europas kein ernsthaftes Interesse an der Entwicklung des Eisenhüttenwesens. Nur so erklärt sich die Tatsache, daß man, obwohl man im Westen Europas bzw. in England technisch schon seit dem 17. Jh. imstande war, Roheisen mit Hilfe von Koks zu erzeugen, das nicht getan hat, sondern bis spät ins 19. Jh. die Holzkohle bei der Erzeugung von Roheisen verwendet wurde. In Dognatschka hat man noch im Jahre 1869 einen Holzkohlenhochofen gebaut.
Die rapide Entwicklung des Eisenbahnnetzes im vierten Jahrzehnt des 19. Jh. im Westen Europas ändert diese Situation grundsätzlich. Der damit verbundene Bedarf an Roheisen, Eisen und Stahl ist der Auslöser einer radikalen Änderung, was das Eisenhüttenwesen betrifft. Dieser Prozeß, in England eingeleitet, wiederholt sich kurze Zeit später im zentraleuropäischen Raum bzw. in der Habsburger Monarchie, wo um die Mitte des Jahrhunderts der Bau von Eisenbahnlinien einen großen Aufschwung nimmt. Dies hat seine Auswirkungen auch auf das Banater Bergland, denn durch die Gründung der K.K. Österr. Privaten Staatseisenbahngesellschaft und die Konzessionierung der österreichischen Staatsbahnen an diese tritt das Banater Bergland ebenfalls in den ,,Klub" der Industrieregionen ein. Für den südosteuropäischen Raum wird seine Stellung eine führende.  Die StEG, eine Gründung der Banken S.G. Sina, Arnstein&Eskeles aus Wien und der Sodete generale de credit mobilier de Paris (Gesellschafter sind die Barone Georg Sina, Daniel Eskeles, Isac Pereire und der Prinz Rafael Galliera) kauft im Jahre 1855 vom österreichischen Staat unter anderen auch die Banater Bergwerke, Domänen, Hüttenwerke und Eisenbahnlinien (im Bau oder zu bauende). Durch den Vertrag vom 1. Januar 1855 und den darauffolgenden konkreten Übergabeprotokollen übernimmt die StEG im Banat die Bergwerke, Schmelzhütten und Kupferhammer von Orawitza-Tschiklowa, die Kupfer-, Silber-, Blei-, Zink- und Eisenbergwerke sowie die Schmelzhütten von Dognatschka, die Kupfer- und Eisenbergwerke und die Schmelzhütte von Saska, die Steinkohlengruben von Doman und Sekul, die Kupferbergwerke und die Kupferschmelzhütte von Neu Moldowa, die Steinkohlenbergwerke von Steierdorf-Anina, das Eisenwerk Reschitz und den Eisenhammer von Franzdorf, das Eisenwerk und den Kupferhammer von Bokschan, den Eisenhammer von Gladna, die Eisengruben von Eisenstein und Slamina und die Domänen mit einer Gesamtfläche von 130.083,400 ha. Davon waren 42.577,710 ha Ackerboden und 87.505,690 ha Wald. Auf ihren Domänen hat die Gesellschaft auch die feudalen (allodialen) Rechte über ihre acht Bergämter übernommen: Neu-Moldowa, Deutsch-Saska, Deutsch-Orawitz, Steierdorf, Dognatschka, Deutsch-Bokschan, Deutsch-Gladna mit den dazugehörenden montanistischen Gemeinden sowie mit 51 urbarialen (bäuerlichen) Gemeinden. Für die gesamten Banater Werke, Forste und Domänen hat die StEG dem Ärar 11.123,045 Florin (Gulden) und 89 Kreuzer bezahlt.
Die Generaldirektion der Gesellschaft war in Wien. Seit 1882 gab es auch eine Direktion in Budapest. Ubrigens änderte sich damit auch der Name der Gesellschaft in K.K. Priv. ÖsterreichischUngarische Staats-Eisenbahngesellschaft.
Es folgt eine Periode der großen Investitionen, der Neuorganisierung der Produktion, des Einführens von technischen Neuerungen. Grundlage der unternehmerischen Tätigkeit sind auch hier Kohle und Eisen. Die Kohle von Steierdorf, Doman und Sekul und das Eisen von Eisenstein werden in den Eisenwerken von Reschitz, Bokschan, Dognatschka und später auch Anina verwendet und verarbeitet. Erzeugt werden verschiedene Sorten von Roh-, Gußeisen und Stahl. Aus diesen primären Produkten werden dann Eisenbahnschienen und Brücken gebaut. Gleichzeitig sinkt die Rolle der Ausbeutung und Bearbeitung der Nichteisenerze.

In nur zwei Jahrzehnten erweitert die StEG ihre Anlagen im Banat, indem sie hier folgende ,,Etablissements" errichtet: eine Schwefelsäurefabrik in Neu-Moldowa, das Eisenwerk Anina, die Mineral- Destillationshütte in Steierdorf, die Paraffin-Fabrik in Orawitz, die Eisenhütte in Dognatschka, die Kunstmahlmühlen in Orawitz und Bokschan, die Kalk- und Zementfabrik in Orawitz, den Kalk-Ringofen bei Kraschowa, die Kalk- und Ziegelöfen in Roman-Bokschan, die Montangebirgsbahn Orawitza-Anina, die schmalspurige Montanbahn Morawitza-Reschitza-Sekul u.a.

Fortsetzung folgt

Der Autor ist Historiker am Museum des Montangebietes Reschitz
 

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