EIN AUFSATZ AUS DIESEM BUCH:HESSENECK


„Für das Regierungspräsidium ist das Land platt."

Hesseneck - der Rest des Landes liegt hinter dem Krähberg




Horst Jürgen Krämer

Wer oben wohnt, kann weiter sehen
Über administrative, gedachte und natürliche Grenzen in
64754 Hesseneck



"Wie ein Wächter in der Mitte eines Waldgebietes, das vom Neckar hinüberreicht bis zum Main" steht der Krähberg nach der Beschreibung von Hermann Bagusche in der Heimatzeitschrift "Der Odenwald" (Bagusche 1964, 57).
Nein, das tut er nicht. Jedenfalls nicht, wenn man an einem grauen Oktobermorgen über die B 45 von Norden her anreist. Bei meiner ersten Fahrt mit Ziel "Hessens Grenze" mutete der Krähberg für mich nicht wie die Mitte von etwas an, sondern wie das Ende meines Odenwaldbildes. Der Anfang des Forschungsfeldes der Feldforschung. Dahinter lag das Unbekannte, das sich mir in den nächsten Tagen bekannt machen sollte. Nachdem ich in Beerfelden-Hetzbach links abgebogen war und den kurvigen Straßen durch den Wald folgte, kam mir spontan der Gedanke, daß ich unter anderen Umständen niemals hinter den Krähberg geblickt hätte. Warum sollte man das auch tun? Für Hermann Bagusche jedenfalls gibt es im doppelten Sinne Grund genug: "Von seinem Gipfel schaut man ... hinunter in den Itterbachgrund, der in dem weiten Rahmen dieses festlichen Landschaftsbildes als reizvolle Fermate wirkt". Reizvolle Fermate! Vielleicht lag es am Wetter oder meiner Unsicherheit gegenüber dem, was mich erwartete, aber als reizvolle Fermate empfand ich die kleinen Dörfer des Ittertals nicht, sondern als Generalpause am Ende meiner Anreise durch den Odenwald. In keinem der drei Dörfer, die die Gemeinde Hesseneck bilden, sah ich beim Durchfahren auch nur einen einzigen Menschen auf der Straße. Im "Grünen Baum" in Hesselbach hatte ich meinen ersten Kontakt mit den Bewohnern. Als ich dort bei der Wirtin eine Cola bestellte, war ich der einzige Gast. Allein am Tisch sitzend sah ich mir auf der Karte an, wo ich jetzt gelandet war. Auf der Karte war alles flach. Dörfer, eine kleine Ausbuchtung in der Silhouette des Landes Hessen. Doch sollte ich bald noch andere - wichtigere - charakteristische Merkmale dieses Ortes kennenlernen:
Die Gemeinde Hesseneck liegt im südlichen Teil des Odenwaldes an der hessischen Landesgrenze zu Baden-Württemberg und Bayern. Sie entstand 1971 im Zuge der Gebietsreform aus der Zusammenlegung der drei bis dahin unabhängigen Gemeinden Schöllenbach, Kailbach und Hesselbach. Die beiden Ortsteile Schöllenbach und Kailbach sind Straßendörfer im Tal des Itterbachs, der zunächst von West nach Ost fließt, um sich dann zu einer Südwendung zu entschließen und zum Neckar hinzufließen, der bekanntlich alles andere als ein "hessischer Fluß" ist. Die Itter entsteht bei Schöllenbach durch den Zusammenfluß des Euterbachs und des Dorfbachs. Das Rathaus der Gemeinde Hesseneck befindet sich in Schöllenbach. Der Ort liegt von Frankfurt, Darmstadt oder Erbach aus gesehen direkt "hinter" dem Krähberg. Der ist übrigens für diesen Teil des Odenwaldes die Wasserscheide zwischen Main und Neckar. In Richtung Neckar folgen, an Straße und Bach, liegend das hessische Kailbach sowie die badischen Dörfer Friedrichsdorf und Gaimühle, bevor man nach Eberbach und an den Neckar gelangt. Man hat keine Chance, den Ortsteil Hesselbach vom Bachgrund aus zu sehen. Er liegt auf einem Hochplateau oberhalb von Schöllenbach. Um dieses Hesselbach von Schöllenbach aus zu erreichen, muß man einige Kilometer bergauf durch den Wald fahren oder laufen.

Das Dreiländereck, an dem Hessen, Bayern und Baden-Württemberg aufeinandertreffen, wird durch einen Grenzstein, einen Dreimärker, im Wald bei Hesselbach markiert.
Bemerkenswert ist das Phänomen Badisch-Schöllenbach: Einige wenige Häuser von Schöllenbach gehören zu einem anderen Bundesland, bilden eine badische Enklave in Hesseneck. Sie werden von Eberbach aus verwaltet. In der Vergangenheit sind mehrfach Bestrebungen gescheitert, den badischen Teil Schöllenbachs Hessen zuzuschlagen. Die Bewohner der Häuser hatten sich geweigert, hessisch zu werden.
Und noch eine Besonderheit: Auch Kailbach besteht aus zwei Teilen; daß sie unterschiedlich verwaltet wurden, ist lange her. Getrennt werden sie durch den Itterbach. Kailbach "diesseits" liegt am Westufer des Baches, ist traditionell evangelisch und dadurch an Schöllenbach angebunden. Kailbach "jenseits" hat dagegen eine stärkere Bindung an Hesselbach, da beide Siedlungen katholisch sind. Zwischen Kailbach "jenseits" und Friedrichsdorf wiederum liegt die hessisch-baden-württembergische Grenze. Ihr Verlauf ist hier für wenige Kilometer identisch mit dem des Itterbachs.
Wer kennt sich da noch aus? Der Fremde braucht einige Zeit, um sich zurechtzufinden: Was und wer gehört wohin?

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